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Besuch aus Atlanta - 2014

Bericht GAPP 2014 Northview High – Lessinggymnasium vom 10.02.14 – 23.02.14; Deutschland

Es ist Montagmorgen. Gespannt stehen wir, die einen Austauschpartner für die nächsten zwei Wochen aufnehmen, an Gate C am Flughafen in Hannover, also dort, wo in ein paar Minuten unsere Korrespondenten aus Atlanta erscheinen sollen. Minuten, in denen wir an Unterhaltungen nicht viel zustande bringen, sei es mangels Schlaf oder einfach wegen der allgemeinen Nervosität. Die ersten Flüge trafen ein, Menschen kamen durch das Gate und wurden von anderen Wartenden abgeholt. Von unseren Amerikanern noch immer keine Spur. Die Personalbögen, die wir alle bekommen hatten, enthielten zwar Bilder, doch auf diesen konnte man im besten Fall nur Silhouetten ausmachen. Als sie dann doch endlich vor uns standen, wussten alle sofort, wer wo hingehörte. Kurzes Gruppenbild, die Anweisung von Herrn Hoppenworth, nun zur Schule zu fahren, fertig. So trotteten wir also alle zu unseren jeweiligen Autos. Mein Austauschpartner heißt Steven. Er ist ungefähr genauso alt wie ich, geht ebenfalls in die zehnte Klasse, und war sehr müde, auch wenn er das kaum zugegeben hätte. Unsere ersten Wortwechsel drehten sich um das Wetter in Deutschland, das Mindestalter für den Führerschein (wer hätte das gedacht...) und natürlich die Autobahn, welche während der Rückfahrt ein besonderes Highlight für ihn war. In der Schule angekommen, hörten wir ein paar begrüßende Worte seitens unseres Schulleiters an die Amerikaner, dann ging es auch schon wieder los. Erstmal nach Hause. Nachdem Steven seinen Koffer in sein Zimmer gewuchtet hatte, sein (eigenes) Zimmer bestaunte und es Mittagessen gab, überreichte er uns allen ein paar Gastgeschenke, die wirklich sehr schön waren. In den folgenden Stunden kam ich mir manchmal sehr fies vor, da Steven natürlich sehr müde war wegen der Zeitverschiebung etc. aber keinesfalls schon um 14 Uhr schlafen gehen durfte, obgleich er es zweifellos sofort geschafft hätte. Alles lief nach Plan. Nach der ersten Stunde im neuen Heim der nächsten 14 Tage, brachte meine Mutter uns erneut nach Wenden, wo wir uns mit den anderen fünf Austauschpaaren sowie mit Herrn Hoppenworth und Mrs. Kempner trafen, um unter der Leitung von Herrn Hoppenworth eine Stadttour durch Braunschweig zu unternehmen. Mittlerweile war Steven wieder etwas wacher (wahrscheinlich durch das Laufen), sodass er keinesfalls „Nein“ sagen wollte, als ich ihn fragte, ob er mit mir zum Tennistraining kommen möchte. Von der Bank aus beobachtete er gespannt, wie ich und meine Gruppe spielten. Hinterher meinte er, dass es ihm wirklich gefallen hat (er sagte sogar „You're a pro“, obwohl er ja lieber fechtet oder Geige spielt). Schließlich waren wir am Ende des Tages beide erschöpft und gingen nach kurzer Absprache bezüglich Badzeiten etc. beide schnell ins Bett.

Altlantaaustausch Berlinfahrt Die folgenden Tage waren wirklich sehr spannend, aber vor allem hatten wir sehr viel Spaß. Am Freitag und dem Donnerstag darauf besichtigten wir einmal Hannover und außerdem Berlin.

Steven kam überall mit hin, folglich auch mit in meine Klasse (10B), wo er auch von den anderen freundlich empfangen wurde. Generell waren die Schultage für ihn „sehr lustig“ (seine Worte), was ich allerdings nicht wirklich verstehen konnte, schließlich gehört diese Art des Schullebens zu meinem Alltag.

Beim Thema Essen war er wirklich sehr flexibel. Er mochte alles und wollte stets alles probieren bzw. wissen, wie es heißt. Man sah ihm nicht nur an, wenn ihm etwas schmeckte, er sagte es auch immer frei heraus, wobei er gleichzeitig seine Deutschkenntnisse erprobte.

Zum Tennis kam Steven auch immer mit, einmal traute er sich, auch selbst einmal einen Schläger in die Hand zu nehmen (nach 10 Minuten gab er es aber leider auf, außerdem wollte er mich wohl nicht vom Training abhalten). Als ich am Wochenende ein Mannschaftsspiel hatte, begleitete er mich auch dorthin, nicht ohne hinterher erneut zu sagen, dass er schon irgendwie beeindruckt war (was mich natürlich sehr freute, da ich schon befürchtet hatte, es würde langweilig für ihn werden). Danach half ich ihm, seinen eigenen Bericht über die erste Woche in Deutschland ins Deutsche zu übersetzen (mit einem seiner insgesamt drei Füller, die er sich hier in Deutschland gekauft hatte (!)).

Familienausflüge am Wochenende führten uns in die Autostadt nach Wolfsburg („Future City“, wie Steven es begeistert nannte) und die Woche darauf ins Phaeno. Beide Tage schienen ihm sehr gefallen zu haben, was uns ebenfalls sehr glücklich machte. Wir sahen uns alles an, machten alles mit. An diesem Tag hatte nicht nur Steven sehr viel Spaß, wir alle hatten eine schöne Zeit (so kitschig das auch klingen mag). Selbst bei unserer Familienfeier war Steven keineswegs unsicher oder fühlte sich allein, denn er unterhielt sich nicht nur mit mir, sondern auch mit vielen anderen Leuten, was mir zeigte, wie sehr er wirklich Deutsch lernen wollte.

Abseits der Exkursionen, Ausflüge, der normalen Schultage und des Tennistrainings war da natürlich noch die Zeit, in der man einfach mal gerade nicht unterwegs oder wieder Zuhause war. Bereits am zweiten Tag verstanden Steven und ich uns wirklich gut. Wir redeten über sehr vieles, mögliche Sprachbarrieren störten uns kaum (sein Deutsch war tatsächlich gar nicht so schlecht). So entstanden teilweise Dialoge, in denen ich nur Englisch und er nur Deutsch redete (!), was von außen bestimmt sehr lustig gewirkt haben muss. Naheliegend war natürlich, sich deutsch- oder englischsprachige Filme anzuschauen, was wir auch taten. Doch eine Sache hat unseren „Kennenlernprozess“ enorm beschleunigt: Karten. In der Schule spielte ich mit meinen Freunden in den Pausen immer Skat oder Doppelkopf. Angeregt dadurch brachte mir Steven am dritten Tag ungefähr fünf verschiedene Kartenspiele bei, die wir von da an eigentlich jeden Tag und mit jedem spielten. Diese Spiele waren eine sehr gute Möglichkeit, den anderen kennenzulernen, mit ihm über vieles zu reden (wie dies und das in Amerika bzw. in Deutschland ist etc.) und einfach zusammen zu lachen (was wir oft taten, anfangs weniger, später immer mehr). Das führte dazu, dass wir tatsächlich sehr viel Zeit damit verbrachten. Steven fühlte sich wirklich schnell wohl, ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass wir in diesen zwei Wochen gute Freunde geworden sind, auch wenn es eine sehr kurze Zeit war.

Und damit meine ich sehr, sehr kurz, denn plötzlich war es Freitag. Leider nicht der Freitag der ersten Woche, sondern der der zweiten und somit letzten. An diesem Tag wollten die Amerikaner noch einmal nach Braunschweig fahren, letzte Chance für Andenken oder Schokolade (wovon sie echt viel kauften, ob für Freunde, Familie oder sich selbst). An diesem Tag fuhren allerdings nur vier der sechs Amerikaner, nur zwei von uns Deutschen und nur Mrs. Kempner mit, die mittlerweile selbst ich nur noch „Frau“ nannte (amerikanisch ausgesprochen natürlich...; hat nur einen Grund: die Amerikaner sagten das anstatt „Frau Kempner“ zu ihr, da sie ja ihre Deutschlehrerin ist). Nach dieser Shoppingtour inklusive gemeinsamen Essens, fuhren wir mit der Bahn wieder nach Wenden. Normalerweise hätten Steven und ich uns von dort abholen lassen, doch aus irgendeinem unerfindlichen Grund wollte Steven unbedingt zu Fuß (!) nach Hause laufen, was er schon zwei Tage zuvor einmal angesprochen hatte und seitdem ständig nachfragte (Kurzer Überblick: Ich wohne ca. 8km von der Schule entfernt, fahre zwar manchmal mit dem Fahrrad, aber gelaufen bin ich zweifellos noch nie.). Prinzipiell war an diesem Freitag sogar recht gutes Wetter, sodass ich nach kurzer Überlegung tatsächlich zustimmte, zu Fuß zu gehen. Ehrlich gesagt wollte ich das auch schon immer mal ausprobieren, aber alleine hätte ich es wohl nie durchgezogen und es war sein vorletzter Tag, also warum nicht? Fakt ist, wir brauchten gut eineinhalb Stunden und hinterher war Steven einfach nur platt. Fakt ist aber auch, dass wir in dieser Zeit sehr viel geredet haben, was sonst sollte man auch tun, bei so einem langen Spaziergang? Im Endeffekt war es also eine schöne Sache, da es uns nicht geschadet, sondern sogar genützt hat (trotzdem gehört es zu den Dingen, die man einmal ausprobiert und dann nie wieder tun wird).

Es ist Sonntagmorgen (23.2.2104) bzw. die Zeit, in der sich Leute wie wir eigentlich im Tiefschlaf befinden. Treffpunkt am Gate um 04:35 Uhr, das bedeutet für uns um 03:00 Uhr aufstehen, losfahren. Schließlich müssen die Amerikaner eine bestimmte Zeit vor ihrem Abflug (06:35 Uhr) am Flughafen sein. Theoretisch gleicht der Ablauf dem des ersten Tages: Gruppenbild etc. (außerdem werden letzte E-Mail Adressen ausgetauscht), doch etwas ist anders. Kam am ersten Tag ein Fremder bei uns an, so verlässt uns nun ein Freund.

Die letzten zwei Wochen waren zwar anstrengend, das sollte ich nicht verschweigen, doch möchte ich sie keinesfalls missen. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich in Steven einen Freund gefunden habe, zu dem ich sehr gerne im Oktober diesen Jahres kommen möchte. Darauf freue ich mich schon, seit ich mich am Flughafen von ihm verabschieden musste.

   
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